Folge 39 der WHySE Tiergeschichten
Dieser Beitrag erschien zuerst auf LinkedIn am 13. Oktober 2026.
Ratte hat drei Wasserstoffangebote. Welches Problem lösen sie eigentlich?
Drei Anbieter, drei Mappen, drei Rechenwege – und ein Preis, der am wenigsten kostet. Was auf der Veranda von Ratte, Hund und Drache auf den Tisch kommt, ist keine Rechenaufgabe. Es ist eine Fragenliste.
„Ich benötige Wasserstoff. Welches der drei Angebote ist wohl das richtige, Hund?“
Ratte sitzt auf der Veranda bei Hund und Drache. Ihr Unternehmen benötigt eine bestimmte Menge H₂ pro Tag. Vor ihr liegen drei Mappen: drei Angebote, jedes mit eigenen Annahmen, Betriebsstunden und Leistungsgrenzen.
Drache blättert als Erster. „Eines kostet am wenigsten. Doch sind die Berechnungsgrundlagen vergleichbar?“
Hund schiebt seine Tasse beiseite. „Deshalb würde ich den dreien dieselben Fragen stellen.
Fließt der Wasserstoff ununterbrochen – oder kommt er in Lieferungen, mit Pausen dazwischen?
Welche Qualität garantiert der Anbieter?
Wie lange sichert der Anbieter die Bereitstellung zu?
Wie steht es um die Ausfallsicherheit?
Was ist, wenn eine Lieferung ausbleibt oder eine Anlage stillsteht?“
Drache hebt die Klaue. „Da habe ich auch Fragen.
Woher kommt der Wasserstoff – und wie viel CO₂-Äquivalent trägt jedes Kilogramm?
Gibt es ein Zertifikat? Wer ESG-konform arbeitet und unter die Industrieemissions-Richtlinie oder das Bundes-Immissionsschutzgesetz fällt, braucht hier keine Kür, sondern eine Pflichtantwort. Dann zählen Nachweise wie RFNBO – erneuerbare Kraftstoffe nicht-biologischen Ursprungs oder CertifHy, das europäische H₂-Zertifizierungssystem.
Der Preis – aber richtig gerechnet. Ich frage nach den Levelized Costs of Hydrogen, kurz LCOH: den durchschnittlichen Kosten je Kilogramm über die gesamte Laufzeit.“
„Garantiert der Anbieter die Menge?“, fragt Hund. „Was ist, wenn Ratte sie ändern will oder muss? Mehr an einem Tag, weniger am anderen?“
„Und das sind nur die wichtigsten Fragen“, merkt er an.
Ratte schaut auf die drei Mappen. „Zehn Fragen. Keine Mappe beantwortet sie von allein.“
„Deshalb schreibst du sie auf“, sagt Hund, „und schickst sie den dreien. Dann vergleichst du keine Preise, sondern Antworten.“
Ratte schmunzelt. „Fast eine Checkliste à la Hahn.“
„Er wird sie zu schätzen wissen“, sagt Hund.
Ratte nimmt ein leeres Blatt. Oben schreibt sie: Zehn Fragen an die drei Anbieter.
Hahns Checkliste: die zehn Prüffragen
„Fast eine Checkliste à la Hahn“ – die Anspielung hat im H₂-Terrain System. Hahn steht in der Tiergemeinschaft für geprüfte Reihenfolgen und vollständige Listen. Die zehn Prüffragen im Überblick, jede mit einer Zeile Einordnung:
- Fließt der Wasserstoff ununterbrochen – oder kommt er in Lieferungen, mit Pausen dazwischen? Ein durchgehender Strom stellt andere Anforderungen an Vertrag und Speicher als einzelne Anlieferungen.
- Welche Qualität garantiert der Anbieter? Die erforderliche Reinheit folgt der Anwendung – Folge 33 vertieft, wie sauber Wasserstoff sein darf.
- Wie lange sichert der Anbieter die Bereitstellung zu? Die Zusage muss zur Laufzeit der eigenen Planung passen.
- Wie steht es um die Ausfallsicherheit? Verfügbarkeit entsteht durch Redundanz im Konzept – oder eben nicht.
- Was ist, wenn eine Lieferung ausbleibt oder eine Anlage stillsteht? Gefragt ist nach Ersatzversorgung und den Vertragsfolgen des Stillstands.
- Woher kommt der Wasserstoff – und wie viel CO₂-Äquivalent trägt jedes Kilogramm? Die Herkunft entscheidet über die Klimabilanz jedes gelieferten Kilogramms.
- Gibt es ein Zertifikat? Wer unter die Industrieemissions-Richtlinie oder das Bundes-Immissionsschutzgesetz fällt, muss Nachweise wie RFNBO-Status oder CertifHy vorhalten können – Pflicht, nicht Kür.
- Was kostet der Wasserstoff – als LCOH gerechnet? Die Levelized Costs of Hydrogen legen Investition, Betriebsstunden und Laufzeit in eine gemeinsame Rechnung.
- Garantiert der Anbieter die Menge? Die zugesicherte Menge gehört schriftlich ins Angebot.
- Kann die Menge geändert werden? Mehr an einem Tag, weniger am anderen – Mengenflexibilität muss vertraglich geregelt sein.
Warum der Preis allein nicht trägt
Draches Eröffnungsfrage – „Doch sind die Berechnungsgrundlagen vergleichbar?“ – trifft den Kern. Der eine Anbieter rechnet je Kilogramm ab Anlagenzaun, der nächste inklusive Lieferung und Verdichtung. Bei einer Erzeugung vor Ort steckt die Verzinsung der investierten Summe im Preis, bei einer Anlieferung nicht. Genau deshalb fragt Drache nach den Levelized Costs of Hydrogen: Sie legen Investition, Betriebsstunden, Energie, Wartung und Laufzeit in eine Rechnung und ergeben die durchschnittlichen Kosten je Kilogramm über die gesamte Laufzeit. Erst auf dieser Grundlage wird ein Kilogramm-Preis vergleichbar.
Vor dem Vergleich braucht das Unternehmen ein gemeinsames Zielbild: Welche Anwendung wird versorgt, welche Menge steht fest, welche Annahmen trägt das Unternehmen selbst? Daraus entsteht der belastbare Prüfauftrag an die Anbieter – und die Struktur für die Antworten.
Klartext
Erst wenn alle drei Angebote dieselben Fragen beantworten, wird aus einem Preis eine vergleichbare Zahl.
Wer unterschiedliche Leistungsumfänge allein über den Preis vergleicht, entscheidet auf einer schiefen Grundlage. Was in den Angeboten fehlt, kommt später als Nachtrag – und trifft Budget und Termin.
Verwandte Beiträge
- Folge 33 – „Wie sauber darf Wasserstoff eigentlich sein?“ Die Frage nach Reinheit, Normen und Wegen der Bereitstellung.
- Der WHySE-Kompass Wegmarken zu FEL, FEED, FID und weiteren Begriffen des H₂-Terrains.
Quellen:
Bundes-Immissionsschutzgesetz (BImSchG), nichtamtliche Fassung auf Gesetze im Internet
Industrieemissions-Richtlinie (IED) 2010/75/EU auf EUR-Lex.

